kevin alexandar



Kevin Alexander studiert hier Kommunikation auf Medienbasis. Er wird mit einem Bachelor of Arts abschließen, kann sich also mit Fug ‚Künstler‘ nennen. Die Hochschule, die er besucht, empfindet er als eine Bereicherung, da sie das vorstellt, was man später in modernen Unternehmen findet: eine Kultur des Displays. Was hat man darunter zu verstehen? Das ganze architektonische Arrangement seiner Hochschule, so nimmt Kevin es wahr, strahlt diese Kultur aus. Beispielsweise sind die Orte zwanglosen Beisammenseins als allgemeine Treffpunkte auf den Etagen, im Treppenhaus so eingerichtet, dass man von anderen gesehen wird, diese anderen aber auch selbst sehen kann. Nirgends gibt es Nischen, nirgends Rückzugsmöglichkeiten für intimes Zwiegespräch. Flüstern wäre auffällig. Man redet in gedämpftem aber hörbarem Ton. Die offenen meetingspoints strahlen Zwanglosigkeit aus und fördern den Eindruck, dass Privates Teil des gemeinsamen Arbeitsprozesses sei. Diese Orte sind zentral für das Lernen und das Funktionieren im Team. Gerade in ihrer zwanglosen Atmosphäre befördern sie die kollektive Kreativität. Sie bilden Schleusen, in denen sich Persönliches und Öffentliches, Privates und Arbeitswelt produktiv durchdringen. Hier entstehen die beglückenden Empfindungen inspirierter Arbeit, motivierender und weniger belastend als das klassische Arbeiten in der Box. Dasselbe gilt natürlich für den dezent begrünten Hof, der Durchgang und Treffpunkt ist, von überall her einsehbar.
Auf den Punkt bringen diese Kultur des Displays, so Kevin, die wie im Breitformat eines Bildschirms angelegten Fenster. Sie stellen zur Schau, entweder von drinnen nach draußen oder umgekehrt von draußen nach drinnen: der Einzelne ist gleichzeitig aufführender Performer wie beobachtender Controller. Die querliegende Flachheit der Fernster, überhaupt die ganze architektonische Inszenierung erinnert ihn an die protestantischen Niederlande, die irgendwann einmal die Fensterläden abgeschafft haben, weil ein guter Mensch selbstverständlich nichts zu verhehlen hat. Natürlich heißt das auch, dass jemand, der sich zurückzieht, unbeobachtet sein will, offensichtlich etwas zu verbergen hat. Eine solche Offenheit schafft Einklang, denn wer möchte sich einem Verdacht aussetzen. Verbergen kostet Zeit und Lebenskraft, ist unproduktiv. Damit schafft die Kultur des Displays die richtigen Leistungsbedingungen: Da man von allen gesehen wird, und man alle sieht, kommt niemand auf dumme Gedanken und bleibt bei dem, wofür er da ist: bei seinem Team, seiner Arbeit.
Kevin fühlt sich wohl in dieser Architektur, denn sie zeigt ihm, dass seine Berufswahl die richtige war: Bei allen Optimierungen durch Bereichsumlegung oder -kürzungen bleiben die beiden zentralen Antagonismen, die ein Unternehmen am Laufen halten, bestehen: das Controlling und die Performance. Das Marketing ist dabei die zentrale Kompetenz eines jeden Mitarbeiters, der nicht einfach eine Leistung erbringt, sondern diese hauptsächlich performt. Performance ist bekanntlich leisten und darstellen. D.h. ohne Marketing gibt es keine Performance, egal was und wie performt wird. Andererseits ist der Adressat der Performance das Controlling, die Evaluierung der Performance. Wer performt, führt etwas auf und eine Aufführung braucht einen Betrachter. Die Kultur des Displays ist nicht nur wie Theater, sie ist Theater. – Kevin macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass Performance als ein Begriff der Arbeitspsychologie eingeführt wurde, lange bevor die Kunst sich ihn zugänglich gemacht hat. – Im Theater fällt die zu erbringende Leistung mit der Performance zusammen. Und wer wollte etwas aufführen ohne Publikum? Das Publikum controllt die Performance, indem es ihr beiwohnt, und sie evaluiert durch Buh-Rufe oder Applaus. Der Controller ist das Publikum mit Fernglas. Jeder Schweißtropen zählt und eine zum falschen Zeitpunkt zuckende Augenbraue fällt durch. Allerdings, und das ist der zentrale Unterschied zwischen Theater und Unternehmen, setzt das Unternehmen nicht allein wie das Theater auf die soft-skills der Performance, es hat nämlich seine Statistiken und Algorithmen. Zahlen lügen nicht – Gesichter schon. Perfomance in einem Unternehmen ist also die Leistung eines Mitarbeiters, ansprechend visualisiert vermittels mathematischer Parameter. Das Controlling rechnet nach. Kein Unternehmen, davon ist Kevin überzeugt, kann verzichten auf Rechnung und Berechnung, Performance und Controlling, Artist and Audience, Betrachter und Betrachtetem. Und deshalb trägt Kevin seinen Namen zurecht: Er ist Künstler, darstellender Künstler. Er hat das Know-how, das die Performance eines Mitarbeiters erst zur Performance macht: die Visualisierung der Leistung als Leistung. Das wäre der kommunikative Aspekt seiner Arbeit. Der mediale besteht darin, dass er der Performance eine berechenbare Basis verleiht, das Medium der Performance.
Kevin Alexander entwickelt geradezu eine Metaphysik der Performance: So wie der Einzelne im Unternehmen performt, so performt das Unternehmen am Markt und dieser wiederum die Leistungen der Menschheit als Ganzes. Alles sei Performance, so Kevin, und er bedaure, dass in unserer globalisierten Welt, wenigstens im Westen, so gar nicht mehr an Gott geglaubt werde. Immerhin wäre er ein würdiger Controller der Performance eines globalisierten Marktes.
Da der Mensch ein gieriger Räuber ist, ist es für Kevin – ein großer Anhänger von Thomas Hobbes Leviathan und Jeremy Benthams Panoptikum – nur naheliegend, dass die individuelle wie kollektive Performance einem Controlling unterliegen muss. Es ist aufgrund der menschlichen Natur nur wünschenswert, dass die Menschen massenweise zuhause ihre Fensterläden öffnen und sozialen Netzwerken beitreten, gleichsam aus Gründen des Selbstschutzes. Hier üben sie die Tugenden ein, die sie für ihre unternehmerische Performance brauchen: Kommunikation, Kreativität, Teamwork und Offenheit; vor allem aber erbringen sie Leistung im Sinne der Selbstdarstellung. Soziale Netzwerke sind für Kevin nichts anderes als das private Pendant zur Unternehmenskultur des Displays. Privat insofern, als man im sozialen Netzwerk während seiner Freizeit unterwegs ist, nicht während der Arbeit; ein Unterschied, der, so Kevin, auch bald fallen werde. Darauf deuten schon das Cloud-Computing und die aktuellen Messenger-Programme hin, die sowohl für die Unternehmenskommunikation als auch für die persönliche gleichzeitig nutzbar sind. Diese Kommunikationsmedien entsprechen dem, was, wie oben beschrieben, die öffentlichen Treffpunkte einer zeitgemäßen Architektur leisten: kreative Treffpunkte eines leistungsorientierten, performativen Austausches der Menschen zu sein.
Von hier aus hat Kevin übrigens auch keine Einwände gegen ein aktualisiertes Urheberrecht: was im Rahmen eines Unternehmens hergestellt wird, gehört ihm bekanntlich seit je schon. Das Recht am eigenen Bild ist für Kevin ein Anachronismus. Sowohl in den Netzwerken als auch in den Unternehmen wird performiert. Und bereits Aristoteles konnte feststellen, wie Kevin während seines Studiums erfahren hat, dass Produkte in Hinsicht auf ihren Adressaten entstehen. Vor einem Gericht werde anders gesprochen als auf dem Marktplatz oder zur Geliebten. Der Adressat, das Publikum, das Unternehmen, ist Ursache und damit Urheber der in ihm entstehenden Produkte. Und, so Kevin weiter, die meisten Bilder entstehen heute, um in den sozialen Netzwerken publiziert zu werden. Diese sind also die wahren Urheber. Ihre Ästhetik prägt diejenigen der Bilder, die in ihrem Rahmen veröffentlicht werden. Eine abweichende, sonderbare Ästhetik könne auch nicht wirklich gelesen werden. Und an wen solle sie sich denn als unlesbare richten? Sie verberge mehr als sie offenbare. Selbst die Mimik eines Menschen gehöre nicht ihm sondern dem Adressaten, sei der nun eine private Bekanntschaft, ein soziales Netzwerk oder ein Unternehmen. Denn die Mimik ist Teil der Performance und die ist Teil des Unternehmens. Und wer könne schon seine eigene Mimik lesen? Mimik ist öffentlich. Das seien aber nur vernachlässigbare Quisquilien, denn das Wesentliche sei weniger was, vielmehr dass performt werde. Performance bedeutet Produktivität und ist damit Grundlage unseres Systems.
Für Kevin sind soziale Netzwerk zentrale Orte einer bürgerlichen Verhaltenssteuerung und -kontrolle. Früher hätten die Bürger sich ja auch öffentlich auf den Marktplätzen zur Schau gestellt, Geschäfte diskutiert, gute Partien für die Hochzeit ausgespäht, sich in Szene gesetzt, ja sogar Politik wirksam betrieben. Niemand wäre auf die Idee gekommen, hier ein unveräußerliches Original sein zu wollen. Im Gegenteil: ‚Ein Original‘ das war doch ein abwertendes Wort im Sinne eines Befremdens, einer gesellschaftlichen Distanznahme. Niemand wollte ein ‚Original‘ sein. ‚Original‘ als Wert sei die Erfindung unverbesserlicher Romantiker, die Erfinder einer mehr konfusen als klaren Innerlichkeit. Freud und heute die Neurobiologen haben das Verdienst auf ihrer Seite, das Unbewusste, Ort einer unaufgeklärt verborgenen Innerlichkeit, nun endlich aufgeklärt, wissenschaftlich erhellt zu haben. Wie alles unterliegt es den Gesetzen der Zahl und denen der Mechanik, definierter Formen von Ursache und Wirkung. Ein Mensch, der sich verschließt, wird notwendig ausgeschlossen. Wie man in den Wald ruft, so schallt es zurück.
Die antike Polis, die Erfinderin von Demokratie und bürgerlicher Mitbestimmung, war sich bewusst, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, der in der und für die Öffentlichkeit lebt. Manieren hat bestimmt nicht der Eigenbrötler. Die sozialen Netzwerke sind heute, in der versprengten, weil globalisierten Gesellschaft, der legitime Nachfolger der Polis, des bürgerlichen Marktplatzes. Nur hier ist eine Gesellschaft produktiv, denn hier führt sich der Mensch seiner Bestimmung zu: öffentlich sozial zu sein. Und erst das gewährt ihm die Performance, die wir alle zum Überleben brauchen: Kredit. Vertrauen und Glauben sind öffentliche Werte. Was kann ein Mensch sein, dem die Gesellschaft den Kredit verweigert? Bestenfalls ein ‚Original‘.
Ausführungen nach einem Gespräch zwischen Kevin Alexander (Künstler) und Bernhard Stumpfhaus (Kunsthistoriker), Heilbronn im Oktober 2012.

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